Inhaltlichkeit und Abstraktion

Joachim Kreiensiek bezieht sich in seinen Arbeiten auf Motivvorlagen wie Stadtkarten, Lötplatinen und Lochkarten, um Chiffren für unsere Gegenwart zu finden. Dabei entsteht ein Spannungsverhältnis von Abstraktion und Inhaltlichkeit.

Abstraktion und Urbanität

In ihrer formalen Präsenz erinnern die Lötplatinen als mondernes Zivilisationsattribut an urbane Organisationsformen. Die malerische Behandlung der Struktur als Lichterscheinung auf kosmisch schwarzem Grund suggeriert eine Wirkung von Transzendenz und Abstraktion moderner Urbanität, ohne dass ein städtisches Motiv abgebildet wurde.

Die Absicht, ein abstraktes Bild mit inhaltlichem Bezug zu erstellen, gilt auch für die dunklen deutschen Stadtbilder, die sich auf Straßenkarten als Motivvorlage beziehen. Auf Entfernung zeigen sie sich als tiefdunkle, monochrome Tafeln, bei näherem Hinzutreten entdeckt sich dem Betrachter die Informationsfülle gegenwärtiger Infrastruktur in dunkel sinnlicher Verstecktheit.

Das fossile Braun erdet die Strukturbilder, die als Lichterscheinung angelegt sind. Der impressionistischen, pastosen malerischen Behandlung jener Bilder stehen die dunklen Karten in ihrer aufwendigen, Schwere und Dichte vermittelnde Schichtenmalerei gegenüber. Es enststeht eine wechselseitige Suggestion von Zeit und Zeitlichkeit. Es assoziieren sich zu den dunklen Karten die Bombenzerstörungen des letzten Kriebes, die gebrochene deutsche Identität, aber auch der pessimistische Ausblick auf die Zukunft unserer Zivilisation.

Die Möglichkeiten und Aussichten, das Schicksal unserer Zivilisation entscheidet sich als industrielle Stadtkultur.

Das Alte existiert neben dem Neuen, die historischen Zellkerne der Städte bestehen noch im Kontext moderner Strukturen, tragen mitunter schon musealen Charakter, dienen zur Erbauung und Unterrichtung in ihrer ästhetischen wie funktionalen Präsenz.

Der neuere Motivkreis der monochromen italienischen Veduten feiert dementsprechend Farbe und Geschichte; der historische Zellkern der Städte ist Thema und Motiv, so sind Grundriss und architektonische Anlage der wichtigen Gebäude zu erkennen.

Mag die Farbgebung eine künstlerisch willkürliche Zuweisung sein, bemüht sich Kreiensiek doch stets um einen motivspezifischen Farbton. Die Veduten sind in einem pastosen, reliefartigen Farbauftrag angelegt, der das Licht vexierartig reflektiert.

Die „Stadtkarte Paris“ ist ein ebensolches Vexierbild und das größte Format in dem Vedutenkreis. Die monochrome Farbigkeit, im parisspezifischen Ockerton gehalten, verwandelt die konkrete Information des Motives in abstrakte Anmutung und bietet dem Betrachter seine eigene Projektionsfläche. Der Mythos Paris ist somit in schimmernde Malerei gefasst.

„Stadtkarte Rom“, das erste weiße Bild des Künstlers und die jüngste Arbeit, suggeriert in marmor- wie transzendentem Weiß Fülle und Nichts. Die Unfassbarkeit von Realität ist konsequent in Form gebracht.

Lochkarten und Punktfigurationen

Die Punktfigurationen auf den kleinen Bildtafeln beziehen sich auf Lochkarten, die Kreiensiek in Apotheken entdeckte und für sein Konzept als brauchbar erkannte. Durch einen entsprechenden Apparat lassen sich ganze Bildserien durch Veränderung einer oder mehrerer Ziffern durchkonjugieren. Sie suggerieren ihre zweckgerichtete, funktionsgebundene Herkunft ebenso wie ein ästhetisches Moment der Punktfiguration oder eine poetische Wirkung, die an künstliche Sternenbilder denken lässt.

Thema ist, wie bei den Stadtbildern auch, die ungeheure Dimension der empirischen Breite, die Zahllosigkeit, demonstriert durch die chronologische Variation einer mehrstelligen Zahl, des Ausschnittes eines sich fortsetzenden Ablaufs.

Dem Gedanken der reinen Variatiion entsprechend, setzt Kreiensiek Punktfigurationen, die am wenigsten an Sternenbilder erinnern, auf einen graumelierten bzw. mittelgrauen Grund. Diese Arbeiten sind schön spröde und berühren am ehesten die Position der Konkreten.

Die Punktfigurationen sind eine visualisierte, verschlüsselte Zahl, eine codierte Faktizität.

Eine andere Konzeption und Präsentation ist ein zufälliges Nebeneinander der zahllosen Möglichkeiten. Das achtstellige Zählwerk des Apparates ermöglicht es Geburtsdaten zu Punktbildern zu codieren und somit das Einzelne, das Individuum in das Konzept hineinzunehmen.

Dem Existenziellen entsprechend, setzt Kreiensiek die Punktkonstellationen als weiße, pastose, verschummerte Lichtinseln auf schwarzen Grund. In späteren, milderen Fassungen schimmern die weißen Sterne auf lexikalischem Grau. Inzwischen gehören die Bilderpaare mit den Geburts- bzw. Sterbedaten zum Standard der Ausstellungen.

In der großformatigen Arbeit „153 Existenzen, nach Geburtsdaten codiert, dazu 153 Tischlampen“ ist der entsprechende Karton mit den Namen und Geburtsdaten der 153 Individuen zu sehen und dient als Orientierungsplan und empirischer Beleg.

Bekannte, Freunde, Angehörige oder Berufskontakte, menschliche Berührungspunkte seiner Existenz, bilden hier den Ausschnittcharakter von inzwischen 6 Milliarden Individuen.

Die Lichtinstallation fügt sich einleuchtend und inhaltlich gebunden in die strenge Malerei ein und streut als Lampenwäldchen Wäre und Privatheit in die ernste Thematik

Reduktion und Spiritualität

Eine komplexe Bildergruppe bezieht sich ganz nach Konzept ebenfalls auf Motivvorlagen, auf Lötplatinen älterer Bauart. Das bildnerische Ergebnis lässt allerdings keine motivischen Rückschlüsse zu.

Pastos amorphe Flecken und Punkte bilden mitunter rechtwinklige Kompositionen oder biomorph wirkende Organisationszusammenhänge. Die malerische Behandlung changiert zwischen leuchtend weißer Unschärfe und pastos schwarzen Flecken, die an Rückstände verloschener Lichtinseln erinnern.

Wichtig für die Korrespondenzen innerhalb des Spektrums sind die sogenannten Fließbilder. Hier hat Kreiensiek die vorgefundenen Strukturen impressionistisch verunschärft und zu senkrecht verlaufenden Fließbewegungen verwandelt. Der Ausschnitt eines sich scheinbar bis in Unendliche fortsetzenden Ablaufs, das Moment der Zeit und der Bewegung korrespondiert als sinnlich suggestives Vertikalformat mit den kleinformatigen Bilderserien der durchkonjugierten Lochkarten.

In einigen dieser Arbeiten verstärken ätherisch gasig anmutende Sprühstreifen den Eindruck von Energie und Spiritualität. Man mag an den philosophisch-theologischen Begriff des Pneumas, des "Atem Gottes" denken.

Freilich ist bei diesen abstrakten Bildern, die viel Raum auch für spirituelle Assoziationen bieten, der Reflex auf das Zivilisationsattribut der Motivvorlage konzeptueller Grundsatz: Vorstellungen von Transzendenz und Spiritualität sind befangen im gesellschaftlichen Sein.

Besonders diese Arbeiten sind Malerei mit reduziertesten Mitteln, sind es auch nur einige Flecken Farbe auf grundiertem Grund, so doch von erstaunlicher Suggestivkraft.

Heinrich Lee